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Früher, ja früher war Vieles sowieso ganz anders. Keiner (von uns Jugendlichen) wäre seinerzeit jemals auf so einen Unsinn wie frühkindliche Bildung oder Ganztagsbetreuung gekommen, wie es heute postuliert wird. Als ich mittags aus der Schule kam, war ich froh, dass Schulschluss war und ich somit Zeit für mich hatte, auch wenn ich manchmal nur gelesen und rumgelegen oder rumgedöst habe. Große Ambitionen einen Roman der Weltliteratur zu schrieben oder eine Mona Lisa zu malen, wie es einige Kleinen heute haben, hatte ich nicht. Dazu war ich auch wohl zu unbegabt. Und eine Sinfonie wollt ich auch nicht komponieren. Vielen aus meiner Klasse ging es übrigens ähnlich.

Nun gut, ich war aber auch noch in der glücklichen Situation, dass ich nur einen Schritt aus dem Garten gehen musste, und direkt ein Feld vor der Nase , auf dem ich mit meinen Schulkameraden Fußball spielen konnte. Das haben wir dann auch eifrig getan, indem wir Jacken oder Heuballen zusammengelegt und uns im Nu zwei Tore daraus gebastelt hatten. Das war der Mitte der siebziger Jahre. Anfang der 80er Jahre wurden alle die Flächen, auf denen wir viel gespielt hatten, nach und nach zugebaut. In den neu errichteten Ein- beziehungsweise Zweifamilienhäusern und Bungalows zog eine neue, gutsituierte Mittelschicht (IT-Leute, Verwaltungsangestellte etc.) mit ihren Kindern ein. Gut, in der Zwischenzeit haben wir die Baustellen immer noch genutzt, um Cowboy und Indianer zu spielen, uns zu verstecken oder uns mit Lehm und Matsch zu bewerfen. Jedenfalls waren wir fast immer draußen.

Sicher können sich die Vierzigjährigen unter den Lesern noch an ähnliche Situationen in ihrer Jugend erinnern. Gut, dass wir schon vor dem Abitur standen und andere Interessen hatten, denke ich mir da immer. So traf uns der Verlust unserer Spielfelder nicht ganz so hart.\r\nDiese Outdoor-Freizeitmöglichkeiten wurde den Kindern und Jugendlichen aber im Laufe der Zeit Schritt für Schritt immer mehr genommen - paradoxerweise gerade von den Politikern, die sich jetzt darüber beschweren, dass die Jugendlichen nur vor dem PC sitzen und (angeblich) zu fett werden. Was sollen sie denn auch anders ihre Freizeit gestalten, wenn man ihnen die Spielflächen nimmt?

Hey, liebe Politiker: nehmt endlich (mehr) Geld in die Hand, macht die Städte wirtlicher überlebensfreundlicher und schafft - gerne auch für Erwachsene zugängliche - öffentliche Freiflächen und altersgerechte Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, damit sie sich ordentlich und ausgiebig austoben und ihrem natürlichen Spiel- Bewegungsdrang nachgehen und gerne auch mit Freunden abhängen können. Das wollen Kinder und Jugendliche auch heute noch nämlich eher anstatt ein bildungsbeflissener Wunderknabe zu werden, und es gehört auch zur kindlichen Entwicklung und somit zur Bildung. Platz dafür wird es in Zukunft genug geben, da die Bevölkerung immer weiter schrumpft und Deutschland sozusagen ein "Raum ohne Volk" sein wird.

Statt dessen aber den Kids den schwarzen Peter zuzuschieben und ihnen Ernährungsweisen vorzuschreiben, die sie vielleicht gar nicht wollen oder an die Eigenverantwortung der Eltern zu appellieren, ist zu billig, zu bequem und verlogen. Da werden doch in unverantwortlicher Weise Opfer zu Tätern gemacht, nur weil man eigen Fehler nicht eingestehen will.

Aber wozu brauchen Jugendliche eigentlich auch Spielplätze und Bewegungsräume? Jetzt, wo das Turbo-Abitur, das den Teenagern ein Jahr Jugend stiehlt, da ist und es die offene Gantztagsschule gibt, hat der nachwuchs sowieso keine Zeit mehr für so unsinnige Sachen wie Spielen und Toben - und wenn, dann können sie es ja in schön zubetonierten Schulhöfen oder luftigen Sporthallen tun. Hallo, geht´s noch?\r\n*****

Übrigens, die übereifrigen Mamas und Papas könnten ihre Kinder ruhig öfter mal zu Fuß in den Kindergärten gehen lassen, anstatt die Straßen davor mit den Blechvehikeln zu blockieren. Wir mussten seinerzeit auch laufen, und es hat uns auch nicht geschadet.