Oftmals beklagen sich die Gesundheitstanten und -onkels darüber, dass die Kinder immer dicker werden und dass es schwer ist, eine Akzeptanz bei/von ihnen zu dem "gesunden Lebensstil" zu finden. Das Volk will einfach nicht hören und sich "gesund" ernähren. Na so was. Woran mag das aber liegen? Kein Wunder, denn das, was die Ernährungsapostel und -nannys verkünden, kommt beim Adressaten einfach nicht an, weil die Botschaften ihnen fremd sind und oftmals nicht den Lebenserfsahrungen, Verhaltensweisen und Werten entsprechen, an denen sich die Zielgruppe (Unterschicht) orientiert.bzw. die sie gewohnt sind.. Die mit allen Mitteln hier angestrebte - versuchte Aufoktroyierung/Vermittlung von bürgerlichen (Werten) und Verhaltensnormen, schlägt also fehl. Das kann man sich sehr gut mit einem aktuellen Beispiel vergleichen, dem Krieg in Afghanistan.

Viele Einheimische empfinden die Präsenz der Nato dort so, als werde ihnen eine fremde Lebens und Verhaltensweise aufgedrückt, mit der sie nichts anfangen können. Ähnlich ist es auch mit der Ernährungs- und dem Fitnesshype. Der Unterschied ist nur, hierzulande schmeißt das Prekariat keine Pflastersteine (noch nicht mal faule Tomaten oder Eier fliegen) oder sprengt sich in die Luft, sondern das Volk reagiert einfach gleichgültig und stimmt mit den Füßen ab, indem es sich den Missionierungsversuchen verweigert und ihnen die kalte Schulter zeigt.

Ich kann es ganz gut verstehen, denn mir ist das ganze Gesundheitsgedöns und Wellnesschichi auch suspekt und geht mir so ziemlich am Allerwertesten vorbei. Als ich klein war, hat das Ganze ja auch keine Rolle gespielt.   Daher empfinde ich für mich persönlich diese Ernährungstipps als oberlehrer- beziehungsweise gouvernantenhaft.

Mein Vater war Kraftfahrer und meine Mutter Verkäuferin. Sie arbeitete noch nebenbei auf dem Markt oder bei meinem Onkel und verkaufte Geflügel, Fleisch und Milchprodukte. Da kam es des Öfteren vor, dass sie schlicht und einfach keine Lust hatte, etwas für uns kochen, wenn sie von der Arbeit kam. Also gab es Pizza oder Pommes oder sonstiges schnell Zubereitetes. Das störte uns Kinder aber nicht weiter - im Gegenteil es hat uns eigentlich sehr gefallen und kam uns mitunter auch als eine recht angenehme Entschädigung für die Zeit, die sie nicht mit uns verbringen konnte. Was hätten wir bloß gedacht, wenn sie auf einmal mit Gemüse und den sonstigen Gesundheitsessen gekommen wäre. Hat uns unsere Mami nicht mehr lieb? Solche Zweifel wären wohl schnell aufgekommen. Eine Rabenmutter, wie der Vorwurf beim Servieren von Tiefkühlkost oder industriell vorgefertigtem Essen latent ja mitschwingt, war sie jedenfalls nicht. Und wenn ich mich heute so in den Spiegel schaue, was ist aus mir geworden ist. Ein ganzer Kerl, dank Chappi sage ich mir dann immer.

Denn wovon lebt der Mensch eigentlich? Seit jeher sollte Essen bei uns immer nur satt machen und lecker sein. Und wenn es dann auch noch köstlich und raffiniert zubereiten wurde, dann war (und ist) es ein Genuss. So halte ich es auch noch heute und finde, man kann sehr gut oder Ernährungsberatung, oder "gesundes" Essen und all die anderen vermeintlich schlauen Tipps eine glückliche und zufriedene Kindheit haben und sich normal entwickeln kann. Dazu gehörte auch eine gewisse Robustheit, die man Kindern angedeihen ließ. "Ein gesundes Schwein frisst alles!", sagte man früher schließlich.

Außerdem ist es ein Zeichen von sehr schlechter Erziehung, wenn man immer am Essen beziehungsweise den Essgewohnheiten anderer Leute herumnörgelt und ihnen vorschreiben will, was gesund und was ungesund ist. Ich jedenfalls lasse mich nicht gerne bevormunden und in mein Essen reinreden und esse das, was mir schmeckt. Gemüse war schon seit je her nicht mein Ding; ich bevorzugte Omas deftige Bratkartoffeln. Und wie sagte die nach Emanzipation strebende Frauenbewegung früher so schön: "Mein Bauch gehört mir!". Mein Teller auch.

Apropos Frauen: Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass das ganze so gesund zubereitete Essen erstens viel Zeit und zweitens einigen Aufwand benötigt? Denn das Mahl muss ja nicht nur zubereitet, sondern es müssen die vielen dreckigen Teller und Töpfe hinterher noch gespült und weggeräumt werden. Welcher Single hat dazu schon Lust? Und was kann man mit der Zeit nicht alles besser anfangen? Lesen, auf der Couch liegen und rumdösen, spielen oder sich mit Freunden unterhalten. Viele fänden es zudem einfacher (und angenehmer) wenn man zu den ganzen neumodischen Gerichten und Rezeptvorschlägen auch die passende Frau serviert bekäme die für einen kocht. Ich selbst bin schließlich bin ich ein guter Zuhörer und noch besserer Mitesser. Und an wem bleibt schließlich die ganze Arbeit hängen? Genau, meistens an den Frauen. Und das ist nicht gut so.